ABC- Für viele nicht so klar wie´s klingt
Peter Safar, der Mitte der 1950er Jahre das erste mal die wichtigsten Schritte der Reanimation in die Buchstaben ABC fasste, ist am 03. August 2003 im Alter von 79 Jahren gestorben. Die Idee seiner Abkürzung lebt weiter – aber nicht ganz ohne Probleme.
Dieses so verbreitete Hilfsmittel, das ABC der Notfallmedizin, ist tagtäglich in sprachlichem Gebrauch und praktischer Anwendung in den verschiedensten Bereichen der Notfall- und Rettungsmedizin. Es erfährt dennoch in seiner Deutung mitunter die obskursten Verfremdungen. Hier ein paar – hoffentlich - klärende Erläuterungen.
Welche Bedeutung verbirgt sich hinter der Abkürzung ABC?
Nun, die Frage ist nicht wirklich gut, da sie mit einer einzigen Aussage gar nicht befriedigend beantwortet werden kann. Die folgenden Deutungsvarianten widerspiegeln unterschiedliche Interpretationen:
1. Version: ABC steht für „Atmung, Beatmung und Circulation“.
2. Version: ABC steht für „Atmung, Beatmung und Compression“.
3. Version: ABC steht für „Atemwege, Beatmung und Compression“.
4. Version: ABC steht für „Atemwege, Beatmung und Circulation, wobei vollständigerweise das D für Defibrillation hinzukommt. Und so weiter und so fort.... In einem aktuellen rettungsdienstlichen Lehrbuch findet sich ausserdem das „ABCD-Schema der Lagerung“ in dem es heisst: A (Airway = Atemwege), B (Breathing = Beatmung), C (Circulation = Kreislauf und D (Drugs = Medikamente zur Analgesie).
Möglicherweise erscheinen dem einen oder anderen diese Gedanken um Begriffe unbedeutend und die Unterschiede geringfügig zu sein. Dahinter steht aber das Verständnis grundständiger notfallmedizinischer Versorgungsstrategien.
Der Nutzen des ABC Schemas in der Notfallversorgung darf nicht unterschätzt werden. Er liegt ohne Zweifel in drei Bereichen:
- Zum einen dient das ABC als simple Merkhilfe und didaktisches Instrument in der Ausbildung von Laien und Profis gleichermassen
- Zum zweiten hilft es in komplexen Notfallsituationen strukturiert und priorisiert zu arbeiten und damit schwere Fehler zu vermeiden
- Und zum dritten hilft es durch seine grosse internationale Verbreitung bei der Vereinheitlichung notfall- und rettungsmedizinischer Strategien
Nur: ein einigermassen gleiches Verständnis der Bedeutung sollte vorausgesetzt werden.
Ein nicht unerhebliches Problem der Bedeutungsverzerrung liegt in der Fremdsprachigkeit des Originals. Die hier beschriebene ABC-Konstruktion entstammt im Ursprung dem angloamerikanischen und dieser Realität wird man sich strecken müssen. Es wurde ursprünglich in der Reanimation eingeführt und steht für „Airway, Breathing, Circulation“ wobei das D in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts tatsächlich zunächst für „drug“ also „Medikamente“ stand, bis es in seiner Bedeutung zu „Defibrillation“ mutierte. Eine der wesentlichen Verständnisschwierigkeiten resultiert nun aus der holprigen Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche. Für „Airway, Breathing, Circulation“ findet sich überwiegend die deutsche Übertragung „Atmung, Beatmung und Circulation“ und das ist nun mal nicht ganz sauber.
Vielleicht ist es das einfachste, beim englischen Original zu bleiben Demnach bedeutet das ABC im Rahmen der Wiederbelebung folgendes:
| Airway | Atemwege überprüfen und ggf. freimachen |
| Breathing | Atmung prüfen (sehen, hören, fühlen), ggf. Sauerstoff verabreichen oder Beatmen |
| Circulation | Kreislauftätigkeit prüfen und ggf. Herzmassage oder andere, kreislaufstützende Massnahmen |
| Defibrillation | Interpretation des EKG (konventionell oder per AED) und wenn erforderlich defibrillieren |
Für jeden Begriff gilt dabei eine Untersuchungs- und eine Massnahmenkomponente. Das bedeutet, dass zunächst das A (airway) untersucht, und dann entsprechende Massnahmen eingeleitet werden. Danach geht es zur Untersuchung des B (breathing) und b.B. dessen Versorgung usw. Ein wesentliches Strukturelement liegt darin begründet, dass man bemüht sein sollte ein A-Problem zu lösen bevor man zur Untersuchung des B, bzw. ein B-Problem zu lösen, bevor man zur Untersuchung des C geht und so fort.
Das erste ABCD beschreibt also die Basic Life Support (BLS).
Nun ist’s damit aber nicht getan: ABCD (und zusätzlich) E steht auch für „Airway, Breathing, Circulation, Disability, Expose and protect from the environment“. Diese Bedeutung kommt der Abkürzung im Rahmen der Traumaversorgung zu.
| Airway | Atemwege unter Schonung, bzw. Fixation der HWS überprüfen und ggf. Freimachen |
| Breathing | Atmung überprüfen, bei Apnoe beatmen, bei insuffizienter Atmung unterstützende Massnahmen einleiten |
| Circulation and Bleeding | Circulation überprüfen (Puls, Rekapillarisierungszeit, Blutung) und ggf. Massnahmen einleiten |
| Disability | Bewusstsein überprüfen |
| Expose and protect from the environment | Patienten entkleiden und vor Kälte und Wärme schützen |
Auf dieser Basis erfolgt dann die Entscheidung über die Versorgungsstrategie.
Fazit:
Natürlich lassen sich die ersten Buchstaben des Alphabetes nicht schützen und kein Gremium dieser Welt kann verbindlich eine einzige Bedeutung dafür festlegen. Wenn aber weitgehend akzeptierte Bedeutungen für ein Instrument eingeführt wurden, wie in diesem Fall für die Reanimation und für die Traumaversorgung, dann gibt es eigentlich keine guten Gründe, daran weitere Veränderungen anzubringen.
Literatur:
- American Heart Association (2000) ACLS Provider Manual
- Baskett (2003) Obituary Peter J. Safar, Resuscitation 59, 10/2000: 3-5
- European Resuscitation Council (2000) International Guidelines 2000 for CPR and ECC - A Consensus on Science, 8/2000, Elsevier
- Buchner (2000) Kapitel „Lagerungsarten“ in: Lehrbuch der präklinischen Notfallmedizin Band 1, Stumpf und Kossendey Edewecht
- NAEMT - National Association of Emergency Medical Technician (2002) Basic and Advanced Prehospital Trauma Life Support, 5. Edition, Mosby
- Safar, Peter (1958) A comparison of the mouth-to-mouth and mouth-to-airway methods of artificial respiration with the chest-pressure arm-lift method, New England Journal of Medicine, 1958, 258: 671-677


