Erstversorgung wirbelsäulenverletzter Menschen am Unfallort
Die Anzahl der Personen, die in der Schweiz jedes Jahr eine traumatische Querschnittslähmung erleiden, lässt sich auf ungefähr 200 hochrechnen, ohne dass dafür exakte statistische Daten vorliegen. Zu rund zwei Dritteln sind Männer betroffen und über ein Drittel der Betroffenen sind unter 25 Jahre alt.
Am häufigsten von Verletzungen betroffen sind die Halsmarksegmente 4 und 5 und der Übergang vom Brust- zur Lendenmark. Von der Schädigungshöhe und der Ausfallsymptomatik ist massgeblich die Schwere der Querschnittslähmung abhängig. Häufig liegen Wirbelsäulentraumata in Kombination mit anderen Verletzungen vor.
Unfallmechanismen und Symptome
Grundsätzlich kann jeder Unfallmechanismus mit massiver Drehung, Biegung und Stauchung zu Verletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks führen. Die Unfallursachen lassen sich gerundet zu je einem Drittel auf Verkehrs- und Sportunfälle und zu etwa einem Viertel auf Stürze zurückführen.
Die Schädigung kann im Moment des Unfalls stattfinden, wobei man dann vom sogenannten Primärschaden spricht. Dabei kann es zu direkten oder indirekten Rückenmarkverletzungen oder auch zu einer Unterbrechung der Blutzufuhr kommen. Während der Primärschaden unbeeinflussbar ist, kann die Notfallversorgung Einfluss auf das Auftreten von Sekundärschäden nehmen, bei denen es in Folge des Traumas zu Schwellungen, Einblutungen, Sauerstoffmangel oder Verschiebung von Knochensplittern in das Rückenmark kommen kann.
Eine akute Querschnittlähmung führt zum totalen Funktionsverlust in den darunter gelegenen Körperbereichen. Dies ist u.a. gekennzeichnet durch schlaffe Lähmung der Skelettmuskulatur, Fehlen von Fremd- und Eigenreflexen sowie Fehlen der Gefässkontrolle und Wärmeregulation.
Durch Störungen von Kreislauf und Atmung können - speziell bei hohen Querschnittlähmungen - durchaus auch lebensbedrohliche Zustände auftreten.
Welche Bedeutung kommt der Erstversorgung zu?
Da die Sofortmassnahmen am Unfallort und die erweiterte Erste Hilfe massgeblichen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Rehabilitation nehmen können, repräsentieren diese Elemente nicht ohne Grund die ersten Glieder der Rettungskette.
Die Rehabilitation beginnt an der Unfallstelle. Das bedeutet, dass bereits unmittelbar nach dem Ereignis alle Massnahmen darauf ausgerichtet sind, das Überleben der Betroffenen zu sichern und weitergehende Schäden zu vermeiden.
Dabei steht bei Rückenmarkverletzungen wie bei allen anderen Notfallsituationen die Erhaltung der Vitalfunktionen Atmung, Kreislauf und Bewusstsein im Vordergrund.
Das zweite Ziel ist die Vermeidung von Sekundärschäden mit zusätzlichen Funktionsverlusten. Eine schnelle Alarmierung des Rettungsdienstes über die landeseinheitliche Notrufnummer 144 ist in diesem Moment eine der wichtigsten Massnahmen. Bevor dann der professionelle Rettungsdienst die medizinische Versorgung übernehmen kann, liegt die erste Betreuung in der Regel in den Händen der anwesenden Personen.
Weiterversorgung durch den Rettungsdienst
Bereits in der ersten Phase der Notfallversorgung hat die Stabilisierung der Wirbelsäule eine hohe Priorität. Eine der ersten Massnahmen ist auch die Sauerstoffgabe, um die weitere Schädigung des Rückenmarks durch Sauerstoffmangel zu verhindern.
Die körperliche Untersuchung umfasst das Abtasten und die Inspektion der Wirbelsäule, sowie eine orientierende neurologische Untersuchung. So können auch Verletzungen weitab der Wirbelsäule auf eine Schädigung des Rückenmarks hindeuten. Beispielsweise können Stürze aus grosser Höhe auf die Füsse Kombinationsverletzungen von Fersenbein, Unterschenkel, Hüftgelenk und Wirbelsäule verursachen. Aber auch andere indirekte Zeichen, wie die schwere Beschädigung eines Motorrad-, Velo- oder Skihelmes lenken die Aufmerksamkeit auf eine mögliche Wirbelsäulenläsion.
Immobilisation
In Bezug auf die technische Rettung stehen Immobilisation und Fixation im Vordergrund der Versorgung. Die Notwendigkeit dazu ergibt sich u.a. aus zwei Hauptgründen, nämlich Schmerzreduktion und Schutz vor Sekundärverletzungen. Dies wird durch Verminderung aktiver und passiver Bewegung des Patienten bis zur definitiven operativen Versorgung erreicht. Es gehört heutzutage zum rettungsdienstlichen Standard, Personen mit Verdacht auf ein direktes oder indirektes Trauma der Halswirbelsäule bereits frühzeitig präklinisch mit einem Halskragen zu versorgen. Im Zweifelsfall erfolgt die maximale Immobilisation der gesamten Wirbelsäule.
Bergungshilfsmittel
Für die Bergung setzen die Rettungsdienste spezielle Hilfsmittel ein. Dies sind v.a. Halskragen, Vakuummatratze, Schaufelbahre, Rettungsbrett und Rettungskorsett, aber auch einige andere.
Die Stabilisierung mittels Kragen reduziert die Beweglichkeit der Halswirbelsäule deutlich. Bei instabilen Brüchen und Bergungsszenarien mit erheblicher Bewegung des Patienten kann dies jedoch keinesfalls ausreichen. Um eine Restbewegung des Hals-Kopf-Bereiches noch weiter zu minimieren, wird der Kopf noch zusätzlich fixiert. Schaufelbahre und Vakuummatratze bewähren sich neben einer Reihe anderer Möglichkeiten vor allem bei der Bergung liegender Personen, die ohne grössere Bewegung stabilisiert werden sollen.
Der Vorzug des Bergungskorsetts ist insbesondere, dass Personen damit aus beengten Verhältnissen - z.B. sitzend aus einem Unfallauto - geborgen werden können.
Vorwiegend in schwierigem Gelände findet die Schleifkorbtrage, bzw. Rettungskorb Anwendung. Durch die wannenartige Form ist das Gerät insbesondere auf unruhigem Untergrund und an steilen Einsatzstellen den meisten anderen Bergungsgeräten überlegen.
Transport und Zielspital
Ein Wirbelsäulenverletzter mit neurologischen Ausfällen sollte primär in ein Zentrum für Wirbelsäulenchirurgie transportiert werden, um eine optimale Versorgung zu gewährleisten. Ein Helikoptertransport ist insbesondere bei längeren Transportdistanzen (über 30 Minuten) und im Gebirge vorteilhaft.
Helge Regener
Geschäftsführer am Schweizer Institut für Rettungsmedizin, Nottwil
www.sirmed.ch


